Die Badewanne als Schmelztiegel

9. Februar 2013 - Tages Anzeiger - Download PDF
von Alexandra Kedves

Zürich, Remise – Unter den Schienen ein enger Gang mit Pfosten und darüber die Werkstatt: Einen besseren Ort für ein erklärtermassen «experimentelles» Theaterstück als die Remise der Bahn an der Lagerstrasse 98 kann es kaum geben. Eröffnet wurde der 200 Quadratmeter grosse Kunst- und Kulturraum im September; und das Stück «Die Badewanne» von P. Vijayashanthan, das sich mit Zuwanderung, Fremdheit, Frauenfragen und dem Missverstehen der Menschen im globalen Dorf auseinandersetzt, passt in dieses Spielfeld, das von Nomadentum, von Auf- und Ausbrüchen erzählt.

Der viel diskutierte Melting Pot ist hier die bewusste Badewanne. Wenn man – wie die Figuren – erst anfängt, darüber nachzudenken, wer und was alles in so einer Badewanne in einer billigen Absteige schon herumschwamm, steigt man lieber nicht hinein. Das jetzt in der Regie des Autors uraufgeführte Stück erspart uns keine Körperflüssigkeiten; es schwankt zwischen wabernder Abstraktion (über Kapitalismus, Geschichte, Feminismus, Dekonstruktivismus) und ungemütlicher Direktheit, während das junge, vierköpfige Ensemble sich in symbolischen Gängen rund um die Schienen und unter ihnen ergeht.

Immer wieder zwischendurch allerdings überrascht ein blitzendes Bonmot, ein choreografisches Bijou; bezaubernd auch die ethnomusikalische Umsetzung von Hakan Can und Ülku Can. Dann rutscht der Abend wieder ab ins Gutgemeinte, Schlechtgemachte – es mangelt (noch) an Handwerk und an Sinnlichkeit –, weshalb die Begegnungsstudie grösstenteils eine Behauptung bleibt. In dieser Badewanne ist das Wasser kalt.

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